Neue Sachlichkeit am Aktienmarkt?

Wenn man böse wäre, könnte man behaupten, dass die Aktienmärkte aktuell unter selektiver Wahrnehmung leiden: Aus fundamentaler Sicht laufen viele Dinge in die richtige Richtung, ohne dass sich die Börsen davon besonders beeindruckt zeigen. Denn lag die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr noch auf der Intensivstation, so läuft sie heute die 100 Meter-Strecke unter 10 Sekunden.
Setzt man zum Beispiel die Umfrageergebnisse des ifo Instituts, konkret die Geschäftslage und Geschäftserwartungen, in einer Grafik in Beziehung zueinander, so ist festzustellen, dass die deutsche Industrie zügig die Rezession verlassen und über den Aufschwung in die Boom-Phase eingetreten ist.
Selbst das Konsumklima - in Deutschland sicherlich keine einfache Größe - zeigt mit einem 14 Monats-Hoch eine steigende Stimmung an. Nicht zuletzt erlaubt unsere gute Wirtschaftslage eine immerhin um 15 Mrd. Euro reduzierte Neuverschuldung. Das Vertrauen zu Deutschland kommt selbst durch die im Trend wieder zunehmenden Risikoaufschläge von Staatsanleihen unserer europäischen Nachbarn zu deutschen Papieren zum Ausdruck.
Ein ungeliebter Aufschwung in Deutschland
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es sich um einen Aufschwung handelt, für den man sich am Aktienmarkt schämen muss wie für einen Pickel auf der Nase. In den Anlegerfokus geraten stattdessen einzig die negativen Daten dieser Woche wie die schwachen US-Auftragseingänge und US-Immobilienverkäufe, die als Vorboten einer erneuten Rezession interpretiert werden.
Gegenüber dem Aktienmarkt avanciert der Rentenmarkt zu everybody’s darling. Mit Rekordkursen, die die Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen unter zwei Prozent fallen lassen und nach Inflation kein volles Prozent mehr bieten, scheinen die Anleger keine Probleme zu haben. Dabei wird eine in der Marktwirtschaft unumstößliche Regel, nämlich dass üppig vorhandene Dinge im Gegensatz zu seltenen keine hohen Preise haben können, massiv verletzt. Warum ist wohl Gold wertvoller als Eisen? Bei Staatsverschuldung von seltenen Gütern zu sprechen, erfordert schon eine besondere Charakterfestigkeit. Wir haben es im Grundsatz mit Übertreibungen zu tun.
Glas halb leer oder halb voll?
Allerdings können Übertreibungen an den Märkten durchaus eine gewisse Zeit anhalten. Weitere Unterstützung hierzu finden die Rentenmärkte im enfant terrible USA. Auch in der nächsten Woche dürften die Stimmung in der US-Industrie (ISM-Einkaufsmanagerindex), die Bauinvestitionen und -preise, das Verbrauchervertrauen und die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe im Durchschnitt verhalten ausfallen und damit zunächst weiter Wasser auf die Mühlen der Renten-Bullen bzw. Aktien-Bären leiten. Grundsätzlich hat der ISM-Index als konjunktureller Frühindikator einen deutlichen Einfluss auf den US-Aktienleitindex S&P 500 im Jahresvergleich. Der Anlegerblick fällt auch auf den chinesischen Einkaufsmanagerindex. Es wird erwartet, dass er zwar fällt, aber oberhalb der 50 Punkte-Markte bleibt, die industrielle Expansion anzeigt. Die konjunkturelle Sorgenpause China bleibt also insgesamt erhalten.
Ein Korb voller Aktienargumente
Natürlich sollen die Risiken für die Aktienmärkte nicht klein geredet werden. Aber kann man wirklich davon ausgehen, dass das Glas bestenfalls halb leer ist? Mit dem Blick auf die noch lange nicht beendete Liquiditätsschwemme der Geldpolitik zur Verhinderung eines Double Dip, die in Schutzschirm-Watte gepackten Problemländer der Eurozone, eine netto immer noch sehr aktive Finanzpolitik, die schwachen Aktienquoten der institutionellen Anleger, die aufkommende Übernahmefantasie, die gegenüber Anleiherenditen hochattraktiven Dividendenrenditen von Aktien und last but not least eine stabil aufgestellte deutsche Wirtschaft gibt es genügend Argumente, für das IV. Aktienquartal überzeugend zu sagen: Das Glas ist halb voll.
Schlechte Anlegerstimmung als Kontraindikator
Bei Betrachtung der Anlegerstimmung in den USA stellt man fest, dass der Anteil der Pessimisten mit fast 50 Prozent wieder deutlich zugenommen hat und sich damit markant vom Durchschnitt in Höhe von ca. 30 Prozent entfernt hat. Solche hohen pessimistischen Niveaus hielten in der Vergangenheit nicht lange an. Insofern ist auch stimmungsseitig - als Kontraindikator - eine Aufhellung wahrscheinlich
In der Zwischenzeit sollte man sich vor Augen führen, dass Erfolg an der Börse nicht nur in der Spekulation auf steigende Aktienkurse besteht. Die Finanzindustrie bietet mittlerweile attraktive Produkte, um auch in anderen Börsenphasen Gewinne machen zu können.